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Über Landschaftsmalerei.

In den Jahren 2003 bis 2015 habe ich die meiste Zeit mit Landschaftsmalerei verbracht. Ganz klassisch mit der Staffelei draussen in der Natur. Hier einige Gedanken dazu und zur Landschaftsmalerei ganz allgemein.

Für mich war das erste und einschneidenste Erlebnis beim Malen vor Ort, dass die Natur immer viel komplexer, viel detailreicher und viel farbreicher ist, als ich das malen konnte. Mir erschien die Natur immer mehr als der Maler. Das Erlebnis beim Malen draussen war das der eigenen Unzulänglichkeit gegenüber dieser Vielfalt. Beim Malen wurden dann durch den Malprozess die gesehenen Stellen bewältigt, irgendwie. Ich musste mich für eine Farbe für eine Form entscheiden, mit der ich das Gesehene festhalten wollte. Ob gelungen oder nicht, selbst das realistischste Bild hat die Natur vereinfacht.

Dabei war es für mich am überraschendsten, dass mir ein Foto vom selben Ausschnitt nicht weiterhilft. Ich sehe die Wirklichkeit anders als auf dem Foto. Farbiger, leuchtender und kontrastreicher, mit anderen Proportionen und Grössenverhältnissen. Auch Landschaftsbilder von andern Malern helfen mir kaum, sobald ich draussen vor der Natur stehe.

Es ist fast so, als ob ich das alles zum ersten Mal sehen würde und dieses Erlebnis wird noch verstärkt, je länger ich mir ein Motiv ansehe. Selbst einfache und selbstverständliche Dinge, wie zum Beispiel eine Dachrinne oder ein Zaun werden plötzlich neu und fremd.

Dass alles neu und unbekannt wirkt, ist glaube ich ein grosser Reiz der Freilichtmalerei, wenn es irgendwie im fertigen Bild sichtbar bleibt. Wenn man also davon noch etwas im fertigen Bild bemerken kann. Für mich sind die Bilder oft wirklicher als Fotos und aus irgendeinem Grund realer, greifbarer.

Es war jedenfalls von Anfang an die Motivation der Freilichtmalerei mehr zu sein, als ein aus dem Kopf gemaltes Bild und kurze Zeit später auch die, mehr zu sein, als eine Fotografie, die ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts viele Maler arbeitslos gemacht hat.

Voraussetzung für die Freilichtmalerei war die Erfindung der Farbtube. Zusammen mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes. Es war 1842 als der Amerikaner John Rand die Farbtube patentieren liess. Ca. 30 Jahre später 1872 hat der Impressionismus seinen Höhepunkt erreicht.

Dazu muss man wissen, dass die Impressionisten anfangs vor allem Freilichtmaler waren, zuvor wurden für Landschaftsbilder draussen erst Skizzen angefertigt und die Bilder im Atelier nach diesen Skizzen fertiggestellt. "Gemeinsam war diesen Künstlern das unmittelbare Arbeiten im Freien - en plein air -, direkt vor dem Landschaftsmotiv. (Monet, Matthias Arnold) ... Grundsätzlich blieb er (Monet) nämlich der Überzeugung treu, dass nur der unmittelbare Kontakt des Malers mit der Natur, mit dem konkreten Motiv ein wahrheitsgemässes Wiedergeben des Gesehenen ermöglicht. Auch seine die Landschaftsmalerei pflegenden Impressionisten-Freunde Pisarro, Sisley und Renoir teilten mit ihm diese Übung und Überzeugung."

Monet hat sogar behauptet: "Ich stürzte mich mit Leib und Seele in die Freilichtmalerei. Es war eine riskante Erneuerung. Keiner hat es je zuvor gemacht" (Monet, Matthias Arnold). Die Bemerkung zeigt, wie wichtig Monet anfangs dieser Aspekt seiner Malerei war. Dass er der erste war, der draussen gemalt hat, ist jedoch nicht ganz wahr.

Eugene Boudin hat schon vor Monet draussen gemalt und ihm die ersten Lehrstunden draussen gegeben, er schreibt in seinen Notizbüchern: "Alles, was man direkt vor Ort malt, hat eine Kraft, eine Stärke, eine Lebendigkeit, die im Atelier wiederzugeben nicht möglich wäre..." (Monet, Matthias Arnold).

Anfangs ging es den Impressionisten nicht um die Befreiung der Farbe und den Pointillismus, sondern um eine Annäherung an die Natur.

"Wenn Sie im Freien malen wollen, müssen Sie versuchen zu vergessen, was Sie vor sich haben - eine Strasse ein Haus, ein Feld oder was sonst. Denken Sie nur: hier ist ein kleines blaues Rechteck, hier ein rosafarbenes Oval, hier ein gelber Streifen und malen Sie es einfach so, wie es Sie anblickt, die genaue Farbe und Form, bis Sie ihre eigene, naive Impression des Bildes erhalten, das vor Ihnen liegt." (Monet zu einer Schülerin, (Monet, Matthias Arnold)).

Ca. 150 Jahre später ist Freilichtmalerei unter den obigen Aspekten fast ausgestorben. Selbst ein Hobbymaler geht beim Malen gleich einen Schritt weiter und interpretiert die Wirklichkeit in seiner persönlichen Sprache, erfindet das Bild parallel zur Wirklichkeit, so wie wir es alle von Cezanne gelernt haben.

Höchste Zeit also, es mal wieder im Original auszuprobieren.

Sich den Anfängen des Impressionismus zuzuwenden, heißt für mich, dem Sehen und dem Gesehenen den Vortritt zu lassen vor dessen Interpretation. Der Maler versucht den Verstand auszuschalten und nicht zu werten, nicht zu verändern, nicht zu übertreiben. Wer das einmal in der Praxis versucht, merkt jedoch sehr schnell, dass es ein reines Sehen nicht gibt. Jede Farbe verändert sich bei längerem Hinsehen, was beim Malen fast zwangsläufig alles verfälscht, da man besonders lang hinschaut. Auch das viel hellere Licht draussen führt zuhause zu bösen Überraschungen. Ersetzt man das Sehen durch das Erleben kommt man schon weiter. Es würde dann bedeuten, dass ein Bild am gelungensten ist, wenn es das Gesehene am "besten" wiedergibt, wenn es dem Erlebtem möglichst nahe kommt. Das Bild soll ein ähnliches Erlebnis erzeugen, wie das beim Malen erfahrene. Hier öffnet sich dann auch die Tür zu Cezanne. Dem Gesehenen Vortritt vor dessen Interpretation zu lassen, ist dann ein ständiges Abwägen zwischen Gesehenem und Erlebtem. Der Maler würde dann das Erlebte nur hinzufügen, um dem Gesehenen näher zu kommen. Und das Gesehene ist Resultat von etlichen optischen Eindrücken die gegeneinander abgewogen werden.

Sich den Anfängen der Freilichtmalerei zuzuwenden heißt nicht, sie als Kunstform für vollkommen zu halten oder die Entwicklung der modernen Malerei abzulehnen. Es bedeutet eher, sich vom hehren Ziel Kunst zu machen etwas zu entfernen, um sich mit einer ihrer Grundlagen zu beschäftigen. Es bedeutet erst einmal, sich der Aussenwelt zuzuwenden und sich von ihr führen zu lassen und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, sich als Künstler sozusagen noch einmal in die Lehre zu begeben, in der Hoffnung, etwas Brauchbares daraus zu lernen. Der Lehrer ist die Aussenwelt. Die Aussenwelt ist die Natur. Das Erlebnis der Aussenwelt ist nur durch das Selbst möglich. Und Natur ist nichts anderes als das, was dem Selbst gegenübersteht.

(Dschuang Dsi): "Das Wirken der Natur zu kennen, und zu erkennen, in welcher Beziehung das menschliche Wirken dazu stehen muss: das ist das Ziel. ... Doch liegt hier eine Schwierigkeit vor. Die Erkenntnis ist abhängig von etwas, das ausser ihr liegt, um sich als richtig zu erweisen. Da nun gerade das, wovon sie abhängig ist, ungewiss ist, wie kann ich da wissen, ob das, was ich Natur nenne nicht der Mensch ist, ob das, was ich menschlich nenne, nicht in Wirklichkeit die Natur ist?"

Das Gesehene liegt ausserhalb von uns, aber wir können es nur durch uns selbst wahrnehmen. Deshalb wissen wir nie inwieweit dieses Gesehene uns selbst oder aber das ausserhalb von uns Gelegene abbildet. Eine alte Erkenntnis des Menschen.

Natur meint das, was außerhalb des Menschen liegt, das was nicht menschlich ist. Es ist das Gegenteil von Selbst, das Nichtselbst. Natur ist da am meisten, wo am wenigsten vom Menschen ist, da wo der Gegensatz Mensch-Natur am meisten ausgeprägt ist. Deshalb wäre ein Portrait oder ein Stillleben abmalen nicht das Gleiche wie das Malen einer Landschaft, da es sich direkt oder indirekt mit dem Menschen beschäftigt. Wer sich dem Selbst am weitesten entfernen will, malt die Natur.

Das würde bedeuten, dass Natur ohne menschliche Eingriffe mehr über unser Nichtselbst erzählt als solche bei der man die Spuren dieser Eingriffe sieht. Häuser, Felder, Wege, begradigte Flüsse sind vom Menschen gestaltete Umwelt. Hier entfaltet sich die Natur nicht so wie sie es "natürlicherweise" tun würde. Wenn man daran glaubt, dass der Mensch von der Natur lernen kann, sind diese Ausblicke sozusagen eine Irrlehre, eine Tendenz zum Menschlichen und zum Selbst.

Im Deutschland des 21. Jahrhundert ist eine solche Landschaft aber die Regel. Strassen, Häuser, Felder wegzulassen, wäre eine Verleugnung der uns umgebenden Wirklichkeit. Wild wuchernde Natur findet man hier aber trotzdem noch - in der einzelnen Pflanze, dem einzelnen Baum, dem Dickicht am Rande der Strasse. Auch die Charakteristik einer Ebene eines Hügels oder Berges, das Zusammenspiel von Himmel und Erde, Licht und Schatten findet früher wie heute hinter, unter und über den von Menschen hinterlassenen Strukturen statt.

In der Praxis waren für mich die erreichbaren Motive relativ nahe von meinem Wohnort. Ich wollte zeigen, dass ich mich im Prinzip überall hinstellen und das Gesehene immer ein gutes Bild werden kann. Für mich selbst wollte ich mir meine Umgebung tiefer in mein Bewusstsein holen. Ohne die Veränderungen der heutigen baulichen Eingriffe zu verleugnen, wollte ich diese nie zum Thema selbst machen, sondern immer die Natur dahinter zeigen und dem Sehen möglichst viel Raum geben.

Urteilen Sie selbst, inwieweit das gelungen ist.